RISS #102 – Vorschau

Die nächste Nummer des RISS widmet sich Nicolas Abraham, insbesondere seinen frühen Schriften, in denen phänomenologische Fragestellungen noch besonders maßgeblich und konturiert erscheinen. Aus dem Editorial der Herausgeber, Charles de Roche und Philippe Haensler:

„Psychoanalyse als Theorie ist Sprachtheorie, psychoanalytische Praxis ist Philologie. In vergleichbarem Ausmaß wie für Nicolas Abraham gelten diese Sätze wohl sonst nur noch für seinen Zeitgenossen und Rivalen Jacques Lacan – und, freilich, jedenfalls in der Perspektive dieser beiden bedeutenden Exponenten, für den Begründer der Psychoanalyse selbst. In Abrahams Oeuvre begegnet man dieser innigen Verbindung auf Schritt und Tritt: Da findet sich ein auf die Poetik gegründeter Versuch einer psychoanalytischen Ästhetik neben dem, ein Gedicht auf die analytische Couch zu legen; umgekehrt werden die Patienten, sei es auch unter Anführungszeichen, Dichtern, ihre Erzählungen Gedichten gleichgesetzt. Die Sprachtheorie kommt prominent da ins Spiel, wo es um es die genetische Herleitung der menschlichen Psyche aus der Kindheit, besonders ihren prä-linguistischen und prä-symbolischen, im Wortsinn infantilen, Stadien geht. Die uralte Frage nach dem Ursprung der Sprache aktualisiert sich in psychoanalytischer Brechung neu. Für Abraham allerdings besteht der Ursprung der Signifikanz nicht in einem symbolischen Akt der Etablierung semiotisch stabiler Relationen zwischen Zeichen und Bedeutungen. Stattdessen ist er in der infantilen Artikulation, der locutio infans, zu suchen, die ihrer Institution als systemischer Sprache unterworfen wird, aus eben diesem Grund aber als ihre Substanz, ihr subjectum oder Zugrundeliegendes, voraufgehen muss.“

Redaktion des Hefts: Charles de Roche, Philippe Haensler


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