Anfang des 2. Satzes von György Ligetis Musica ricercata

Valamit Tudni / Etwas wissen


Oder: Zum hundertsten Jahrestag der Erstveröffentlichung von Arthur Schnitzlers Traumnovelle

// In einem Moment der Intimität wechselt ein Paar „harmlose und doch lauernde Fragen, verschmitzte, doppeldeutige Antworten“1. // In einem Moment der Intimität gesteht eine Frau, die „die Ungeduldigere, die Ehrlichere oder die Gütigere von den beiden war“, ihrem Partner die Begegnung mit einem Kadetten, ihren gegenseitigen Blickwechsel und ihren Gedanken: „Wenn er mich riefe“. // In einem Moment der Intimität erzählt ein Mann seiner Partnerin von der Begegnung mit einem jungen Mädchen, davon, wie er sich von ihr zurückzog, wie er vor ihr floh: der Beginn einer Reise.

Die Elemente könnten untereinander vertauscht oder in zufälliger Reihenfolge angeordnet sein: Lassen wir uns fortfahren:

// In einem Moment der Intimität erzählt eine Frau ihrem Partner von einem Spaziergang in einer Sommernacht mit einem Mann: „Er müßte jetzt nur ein Wort sprechen“, denkt sie. // Auf die Erzählung, mit der ein Mann auf diejenige seiner Partnerin reagiert, erwidert sie: „Wir wollen einander solche Dinge künftighin immer gleich erzählen“. // Ein Mann kehrt von einer nächtlichen Reise zurück und sagt zu seiner Partnerin: „Ich will dir alles erzählen.“

Die Elemente wiederholen sich; sie schreiben sich nicht ein, sondern überschreiben sich. Die Geschichte, der wir hier folgen werden, ist die Geschichte eines Phantasmas. Bereits in seiner griechischen Etymologie meint „phantazo“ („Erscheinung“) nicht etwas das sich verbirgt, sondern im Gegenteil etwas das erscheint und immer wieder auftaucht2: Lassen wir uns fortfahren:

// Ich treffe eine Bekannte. Am Ende eines regen Austauschs, inmitten eines intensiven Gesprächs, erzählt sie mir, dass das Buch, das sie am meisten geprägt habe, Arthur Schnitzlers Traumnovelle sei. Auf meine Frage, was sie an dem Buch besonders beeindruckt habe, antwortet sie: „Ihre Fantasien“. // Nach der Erwähnung seiner Partnerin, dass sie sich beinahe einem anderen Mann hingegeben hätte, begibt sich ein Mann auf eine nächtliche Reise. // Ich beginne diese Notizen während einer Zugfahrt.

Die erneute Lektüre (die hier an die Überschreibung anknüpft) der Traumnovelle gemäß diesem phantasmatischen Schlüssel offenbart eine Spaltung im Subjekt, in der Novelle selbst und in ihren Figuren, die sich durch die Überschreibung ihrer eigenen Unterschiede vollzieht. Ich werde in dieser Anmerkung einigen der Spuren folgen, die dieses Phantasma hinterlassen hat. Die erste folgt der Tatsache, dass diese Erzählung einen grundlegenden Übergang markiert von einer Fantasie, etwas, das zum Register des Imaginären gehört, hin zu einer ausgedrückten Fantasie, zu ihrem Eintritt in die Sprache. Was geschieht bei diesem Registerwechsel? Mir scheint, dass dies die brennende Frage ist, die sich in der gesamten Traumnovelle in einer wirbelnden Bewegung wiederholt.

E#

// Ein Paar begibt sich zu einem Maskenball. Der Ehemann, der Fridolin heißt und ebenso wie Schnitzler Arzt ist, wird von einem Paar „Dominos“ begrüßt, das er nicht erkennt. „Ungeduldig geworden“ von dieser Begegnung, zieht er vor, „sich ins Parterre zu begeben, wo er den beiden fragwürdigen Erscheinungen wieder zu begegnen“ hofft. Man beachte die gegensätzlichen Wortelemente im gesamten folgenden Text: „hofft/fragwürdig“, „harmlos/verschmitzte, doppeldeutige“. Die Ehefrau („Sie heißt Albertine“, sagt meine Bekannte und lässt in meinem Kopf Erinnerungen an Proust widerhallen) wird von einem „melancholisch-blasiert[en] Wesen“ zum Ball eingeladen, das sie dann „erschrocken“ zurückweichen lässt, weil es ihr ein „häßlich-freches“ Wort ins Ohr geflüstert hat. Diese Begegnungen geben jedoch, sobald das Paar in seine eigenen vier Wände zurückgekehrt ist, Anlass zu „harmlose[n] und doch lauernde[n] Fragen, verschmitzte[n], doppeldeutige[n] Antworten“. Harmlose und doch lauernde Fragen: Lacan würde sie als „sanften Flirt mit der Gefahr“3 bezeichnen. Oder: Acting-out. An diesem Punkt ist es Albertine –„die Ungeduldigere, die Ehrlichere oder die Gütigere“ (kein Wort jedoch über seine Ungeduld)–, die den Schleier zerreißt, über diesen „sanften Flirt“ hinausgeht und ihrem Mann von einer Begegnung mit einem Kadetten erzählt, dem sie auf der Hoteltreppe begegnet sei und von dem sie sagt, sie habe gedacht: „Wenn er mich riefe, ich hätte nicht widerstehen können“4.

In der Erzählung, die Fridolin ihrer entgegensetzt, begegnet er einem jungen Mädchen, vor dem er sich jedoch anschließend zurückzieht (einer zweiten Begegnung im weiteren Verlauf der Novelle, diesmal mit einer Prostituierten, folgt ebenfalls eine Flucht).

Auch wenn sie zunächst erwidert: „Wir wollen einander solche Dinge künftighin immer gleich erzählen“, gefolgt von einem „Versprich’s mir“, sind die Geständnisse damit noch nicht zu Ende. Um die Flucht ihres Mannes zu konterkarieren, erzählt Albertine, fast als wolle sie ihn lächerlich machen, nachdem sie von seiner Flucht gehört hat, von einer weiteren Begegnung mit einem anderen Mann, die der mit dem Kadetten vorausging. Bei dieser habe sie gedacht: „Er müsste jetzt nur ein Wort sprechen, freilich“, und dann „[hätte er] von mir in dieser Nacht alles haben [können], was er nur verlangte“. Er jedoch „sprach das Wort nicht aus, […] er küßte nur zart meine Hand“. Der Mann, Fridolin, gewinnt sie so zur Frau5.

Albertines Begehren, ihre Fantasie, verbindet sich hier mit einem Sich-Fallenlassen, mit dem Verlassen von Mann und Tochter und dem Geben all dessen, was der Mann sich wünscht. Für Albertine bleiben die Fantasien nicht in der Vorstellung, sondern werden ausgedrückt, ausgesprochen. Ihr Ausdruck ist nicht mehr ein Ausleben, sondern ein Akt. Was geschieht in diesem Moment des Übergangs von der Vorstellung zum Eintritt in die Sprache?

F#

Wie wir nur allzu gut wissen, kann die Öffnung der Fantasie gegenüber der Sprache – hinter der sich bereits ein Abgrund verbarg, der durch die Entstehung der Fantasiebilder selbst geschaffen worden war – unzählige und unvorhersehbare Folgen haben. Albertines Geständnis versetzt Fridolin in eine traumhafte Reise, die dieselbe Struktur aufweist – vielleicht ist sie uns Männern angeboren – wie die Reise des Odysseus, wie die von Leopold Bloom oder wie die des schlafwandelnden Reisenden Albert Dadas6. Fridolin ist geprägt von der Frage des Begehrens des Anderen, und die Reise führt ihn, Zeichen für Zeichen, zu dieser Frage zurück. Bei Albertine wird die Frage des Begehrens des Anderen durch ihre Frage nach einem Wort vorangetrieben, das von diesem Anderen erwartet wird. Und auch sie wird auf eine Reise geschickt, die in ihrem Fall die Form eines langen Traums annimmt, den sie ihrem Mann erzählen wird.

Die Folgen der Öffnung zur Sprache sind ebenso unzählbar und unvorhersehbar wie ihre Ursachen. Diese Ursachen werden wir nie erfahren, und das Gegenteil zu behaupten hieße, sich in Schnitzlers Perspektive zu begeben, in dem Moment, in dem er sich in Albertines Gedanken versetzt und sie dazu bringt, den Blick des Kadetten zu erwidern: die phantasmatische Vollendung der erneuten Begegnung zwischen Orpheus und Eurydike7,8. Die Suche nach Wissen erinnert an die Begegnung zwischen Demeter und Baubo, die Nietzsche in Die fröhliche Wissenschaft schildert – und die Nadine Hartmann aufgreift9 – und bei der sich die Offenbarung der Wahrheit in Baubos Antwort in Form des Anhebens ihres Rocks zeigt, einer Bewegung, die, begleitet von einem Lachen, „alles zeigt“. Von Kastration ist für Nietzsche/Schnitzler kaum die Rede, wenn sie vorgeben, „alles“ sehen zu wollen. Man kann zumindest sagen, dass dieses Sehen Ausdruck eines ganz anderen, verkannten Begehrens ist. Es handelt sich hier um eine ziemlich schwindelerregende Spirale, die von meiner Hinterfragung der Worte einer Bekannten über die Wirkung, die das Lesen eines Buches auf sie hatte, über Albertines Fantasien, die zwar nicht offenbart, aber ausgesprochen wurden, bis hin zu Schnitzlers Hinterfragung von Albertines Begehren führt.

G

Der Ort des Wissens nährt die sexuelle Erregung von Fridolin und Albertine. Sie entfaltet sich im Wechsel zwischen einem Ort, der von Blicken und Stimmen beherrscht wird, und dem Ort des „nicht sexuellen Verhältnisses“ mit seinen Regeln, Einschränkungen und Fantasien der Überschreitung. Da die Erregung vom Körper entfernt und auf Wissen gegründet ist, versetzt sie die beiden an einen anderen Ort, nämlich den des Negativen. Ein Negativ ohne Aufhebung. Dies offenbart sich bei Fridolin, als er auf der Suche nach der Baronin D. in einer Leichenhalle vor einer Leiche steht, die die Merkmale der gesuchten Frau aufweist, und „er wüßte es nicht“ und „wollte es am Ende“ – mehr noch, füge ich hinzu – „ gar nicht wissen“. Im Fall von Albertine manifestiert sich dies hingegen zunächst im Text des langen Traums, den sie ihm erzählt und den er als Versuch interpretiert, ihn zu vernichten. Später sagt sie zu ihm: „Niemals in die Zukunft fragen“. Die Botschaft manifestiert sich als grammatikalischer Zufall: „nicht wissen“, „niemals fragen“: „das Nichts wissen“, „das Niemals fragen“. Der Raum des Negativen, in den sie stürzen, ist von vornherein durch die Sprache gekennzeichnet und bleibt als Falle bestehen, in der beide gefangen sind.

1 A. Schnitzler, Traumnovelle, S. Fischer Verlag, Berlin, 1926

2 G. Petrarca, Mosè, Feltrinelli, 2026

3 J. Lacan, Le Séminaire Livre IV: La Relation d’objet (1956-1957), Le Seuil, 1994

4 Im Mittelpunkt von Albertines Erzählung steht ein Blickwechsel, der nicht von einem Lächeln begleitet wird und den die beiden austauschen, als sie sich einander zuwenden. Kein Blick, den er ihr zuwirft oder umgekehrt, sondern ein erwiderter Blick. Eine erste lettre. Am Abend, im Restaurant, beobachtet sie ihn erneut, wie er mit seinen Freunden an einem Tisch sitzt. Für ihn trägt sie „eine weiße Rose am Gürtel“. Er erwidert den Blick diesmal jedoch nicht. Er erhält ein Telegramm, voilà die zweite lettre, und geht.

5 Welch ein tiefer Fall! Von einer erotischen Hingabe hin zu einer buchstäblich structure élémentaire de la parenté. Oder, wie Jean Allouch es formuliert: von einer Erotik des Objektes-a hin zu einer Abwesenheit eines sexuellen Verhältnisses [J. Allouch, Pourquoi y a-t-il de l’excitation sexuelle plutôt que rien?, Epel, 2017]

6 Die Struktur des Geständnisses, das der Ehemann wünscht und das in dem Moment, in dem es erfolgt, die Form des Schleierzerreißens annimmt, findet sich auch in einem anderen Text von Joyce wieder, nämlich in The Dead, wo das Geständnis der Ehefrau – das jedoch vom Ehemann erotisch gewollt ist – den Tonfall zwischen den beiden ins Wanken bringt: Es entnimmt ihn einem erotischen Register und zeigt ihn als das, was er tatsächlich ist: eine elementare Verwandtschaftsbeziehung. Zu Lasten des Mannes.

7 Interessanterweise betont die Verfilmung von S. Kubrick genau diesen Aspekt, indem sie das Paar Fridolin/Albertine in intimer Zweisamkeit vor einem Spiegel zeigt, gefangen in der Entfremdung des Bildes. Nicht umsonst handelt es sich um einen Film.

8 Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass der Mythos von Orpheus und Eurydike eine erneute Überquerung des Acheron beinhaltet, die nicht nur in der Freudschen Tradition steht, sondern auch etymologisch mit dem Begriff der Übersetzung verbunden ist.

9 N. Hartmann, «Denken wie ein Mädchen», Turia+Kant, 2025


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